Kräfte bündeln auf groben Stollen
  09.01.2013 •     Mountainbike


Fusion mit Leidenschaft: Aus den Mountainbike-Rennställen Rothaus-Poison und Team Lexware wird das Lexware-Rothaus-Team...

Beim Training auf verblockten Singletrails im Schwarzwald oder an den Foltergeräten unterm Hallendach im Olympia-Stützpunkt Freiburg waren die Fahrer der Mountainbike-Teams Rothaus-Poison aus St. Märgen und des Kirchzartener Lexware-Racing-Teams schon immer vor allem eines: Kumpel. Bei Wettkämpfen waren sie beinharte Konkurrenten. Beide Teams sammelten seit Jahren national bei Cross-Country-Rennen und Marathons Medaillen in Serie und sorgten bei Weltcup-Rennen für Aufsehen. Zwei Nummer-Eins-Teams, die jetzt ihre Kräfte in einer spektakulären Fusion bündeln. Aus den Besten im Südwesten wird das Lexware-Rothaus-Team.

Geführt wird der neue Rennstall von zwei gleichberechtigten Chefs: Patrik Faller (41), bislang Patron bei Rothaus-Poison und zuvor Rothaus-Cube, leitet künftig den 14-köpfigen Nachwuchskader, in dem Athleten von den Schülern bis zur U19 geformt und geführt werden. Daniel Berhe, ebenso umgänglicher wie zielstrebiger Leiter des bisherigen Kirchzartener Lexware-Racing-Teams, wird der Teamchef für die maximal zwölf Elite-Pedaleure, die in der U23 und den Aktivenklassen nicht nur bundesweit, sondern auch bei europäischen Titelkämpfen, Weltmeisterschaften und im Weltcup für Furore sorgen sollen.

Die Tinte unter dem Vertrag, der die Fusion besiegelt, ist erst seit einem Tag trocken. Vorerst bis 2017 gilt der Zusammenschluss. Initiator der Verschmelzung der beiden trotz aller Konkurrenz schon immer freundschaftlich verbundenen Rennabteilungen ist Patrik Faller. "Wir haben uns in der Vergangenheit gegenseitig enorm gepusht", erinnert sich der ehemalige Konditor aus St. Märgen. "Das war ein toller Vergleich, doch dabei haben wir auch unnötig Energie verpulvert." Leidenschaftlich hat er um das Zusammengehen gekämpft, weil in beiden Teams beispielhafte Basisarbeit geleistet wird. Den Zusammenschluss sieht Faller als Vernunftehe. "Wir wollen die Stärken zusammenführen und die Schwächen bekämpfen."

Liebe ist auf groben Stollen gleichwohl mit im Spiel: Lexware-Pedaleur Nicolas Schmieder und Rothaus-Poison-Pilotin Kim Riesterer sind ein Paar. Berührungsängste gibt es nicht. Wer derzeit die Fahrerinnen und Fahrer des neuen Teams beim Training auf der Straße, im Gelände oder an den Geräten des Olympiastützpunkts sieht, blickt in strahlende Gesichter. "Die Jungs und Mädels sind unheimlich motiviert", so Faller. "Da hast du das Gefühl, dass die Luft brennt vor Ehrgeiz." Aus gutem Grund. Im neuen Lexware-Rothaus-Team tummelt sich die halbe Cross-Country-Nationalmannschaft der U23 und Aktiven. Talent, Mut und technisches Können allein genügt jedoch nicht, um im Tretlager für einen runden Tritt zu sorgen. Ohne den Rückhalt der zwei Hauptsponsoren und einem Dutzend anderer freigebiger Unterstützer rollt nichts. Geld ist denn auch der Schmierstoff, den es braucht, um den kostspieligen muskelbetriebenen MTB-Fuhrpark, die Reisen zu nationalen Rennen, Flüge sowie Kost und Logis für Trainingslager etwa in Südafrika (wo von der kommenden Woche an etwa Julian Schelb seine Weltcup-Form aufbaut) zu finanzieren. Faller sieht das neue Team finanziell ordentlich ausgestattet – über den Etat wurde freilich Stillschweigen vereinbart.

 

Tretarbeit auf Spitzenniveau ist teuer. Ein Wettkampf-Mountainbike kostet so viel wie ein junger Gebrauchtwagen. Material, mit dem gern mal geprotzt wird. Es gibt 15-jährige Nachwuchsfahrer, die ein besser ausgestattetes und leichteres MTB unter ihrem Hintern haben, als die einst von Patrik Faller entdeckte St. Märgenerin Adelheid Morath bei ihrem Olympia-Auftritt in London. Ein Material-Fetischismus, dem Faller den Kampf angesagt hat. "Wir müssen weg von der Idee, dass das Beste für den Nachwuchs gerade gut genug ist." Sündteure Tuning-Teile aus Edelschmieden wird es an den Bikes in Fallers U-19-Team nicht geben – und für die Topgruppe des japanischen Marktführers, der Kurbeln, Ritzel, Umwerfer und die mechanische Schaltzentrale am MTB-Lenker liefert, gibt es ein Montageverbot. "Wer XTR dranschraubt, dem reiß’ ich das eigenhändig ab und schmeiß’ es weg", droht Faller seinen Nachwuchsfahrern. "XT tut’s auch." XT, das ist die Nummer zwei im Ranking, die beste unter den guten Gruppen, halb so teuer wie XTR.

Fallers Mut zur Abrüstung verfolgt einen erzieherischen Ansatz: "Ein bisschen Demut muss sein, sonst wirst du nie ein Großer." Demut, die Verantwortung fordert. Wer für Faller fährt, muss sein Rad selbst putzen und es auch reparieren können. Ritzel wechseln, Speichen spannen, Kettentausch, die Schaltung justieren – das soll jeder Wettkampf-Mountainbiker blind beherrschen. "Und die Jungs und Mädels müssen Bitte und Danke sagen können." Synergieeffekte für das Mountainbiker-Stammland Schwarzwald erhofft sich Faller aus der Fusion, die Kooperation mit der Hochschwarzwald-Touristik-GmbH und den Veranstaltern des größten europäischen Marathons, dem Kirchzartener Ultrabike, der alljährlich mehr als 5000 Mountainbiker anlockt, soll verstärkt werden. "Wir wollen Kräfte bündeln", begründet Faller die Fusion. "Jetzt kommt zusammen, was zusammen gehört."

Der Zusammenschluss ist nicht nur ein Fest, sondern auch eine Zäsur. Nicht jeder, der im Rothaus-Poison-Team und im Lexware-Racing-Rennstall einen Stammplatz hatte, wird im neuen Lexware-Rothaus-Team Platz finden. Etwa Bianca Purath. Die ehemalige Junioren-Zeitfahrweltmeisterin aus Hubertshofen hat ihre Straßenkarriere beendet und fuhr im vergangenen Jahr MTB-Rennen für Rothaus-Poison. In Daniel Berhes Elite-Tross wird sie nicht gebraucht.

Willkommen ist ein sympathischer Heimkehrer. Der Breitnauer Matthias Bettinger, bis vor drei Jahren unter Patrik Faller beim damaligen Team Rothaus-Cube unter Vertrag, kehrt dem Team Centurion-Vaude den Rücken – und ist künftig im Lexware-Rothaus-Team der Marathonmann für die ganz langen Abenteuer im MTB-Sattel. Ziele gibt es 2013 zuhauf für die Lexware-Rothaus-Pedaleure: neben EM und WM steht der Mountainbike-Heimweltcup in Albstadt an Pfingsten (18./19. Mai) ebenso auf dem Programm, wie die Cross-Country-Bundesliga und die Marathon-Europameisterschaft in Singen. "Wir werden angreifen", verspricht Patrik Faller. "Überall."